Young Story Award 2025

„Der Young Storyteller Award, präsentiert von story.one und Thalia, sucht die inspirierenden Storyteller und Geschichtenerzähler:innen unserer Zeit. Wir glauben an die Kraft junger Stimmen, die den Buchmarkt völlig neu bereichern und so den Weg für neue Trends und Bestseller ebnen.“

Leseprobe

Story 1:

Emetophobie – das ist die Angst vor dem Erbrechen. Ich dachte lange, ich sei einfach komisch. Dabei geht es nicht nur um die Angst, mich selbst zu übergeben. Ich habe auch Angst davor, dass andere es tun könnten. Und das macht den Alltag ziemlich anstrengend.
Man kann dieser Angst nicht einfach aus dem Weg gehen. Wenn jemand Höhenangst hat, meidet er eben hohe Gebäude. Wer Angst vorm Fliegen hat, nimmt den Zug. Aber bei der Angst vorm Erbrechen? Die ist überall. In der Bahn, im Supermarkt, in der Schule, bei Geburtstagsfeiern, in Bars.
Selbst beim Abendessen mit Freunden kann mein Kopf Alarm schlagen.
Denn: Was, wenn mir schlecht wird? Oder jemandem neben mir?
Das Schlimmste ist diese ständige Wachsamkeit. Ich habe irgendwann angefangen, mein ganzes Leben darum zu organisieren. Ich aß kaum noch, aus Angst, mir könnte schlecht werden. Ich mied Restaurants, Feiern, sogar Busfahrten. Ich hatte immer eine „Notfallausrüstung“ dabei: Wasser, Kaugummis, Medikamente, Dinge, die mir Sicherheit geben sollten.

Diese Angst kam nicht allein, sondern oft mit Panikattacken. Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Zittern, das Gefühl, gleich umzukippen.
Was diese Phobie so besonders gemein macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Übelkeit kann jederzeit auftreten. Und im Kopf fühlt es sich an wie eine tickende Zeitbombe. Ich wusste nie, wann sie hochgeht. Das hat mich so oft davon abgehalten, überhaupt noch irgendwo hinzugehen.

Ich habe mich oft gefragt, ob ich mir das alles nur einbilde. Denn kaum jemand kennt Emetophobie. Wenn ich davon erzählt habe, was selten war, haben die Leute meist nur verständnislos geschaut. „Du hast Angst vor Übelkeit? Na und?“ Es klingt so harmlos.
Ich habe mich oft geschämt. Habe mich zurückgezogen. Und ja, manchmal war ich ziemlich einsam.
Viele von uns Emetophobikern wirken von außen wie magersüchtig denn wir essen wenig, sind dünn, sehr kontrolliert. Aber bei uns geht es nicht ums Aussehen. Wir essen nicht, weil wir Angst vorm Erbrechen haben. Nicht, weil wir dünn sein wollen. Das ist ein riesiger Unterschied.
Heute weiß ich, dass es Studien dazu gibt. Eine davon zeigte, dass viele Betroffene ihre Angst schon als Kinder entwickeln. Und dass sie oft zusätzlich mit Depressionen, Zwangsgedanken oder anderen Ängsten zu kämpfen haben.
Was mich überrascht hat: Viele erinnern sich besonders intensiv an Situationen, in denen jemand anderes erbrochen hat, nicht mal unbedingt an das eigene Erbrechen. Auch bei mir gab es so einen Moment in der Grundschule, der sich eingebrannt hat. Vielleicht war das der Auslöser. Vielleicht auch nicht. Im Grunde kann ich mich an alle Situationen erinnern, in denen jemand, oder ich, gebrochen hat.

Das alles hier zu schreiben, fällt mir nicht leicht. Ich habe lange gebraucht, um über meine Angst zu sprechen. Noch länger, um Hilfe zu suchen. Aber es gibt Wege heraus. 2016 gab es sogar eine Studie zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Emetophobie und sie zeigte, dass vielen Betroffenen geholfen werden konnte. Auch mir hat es geholfen, mich dieser Angst zu stellen. Langsam. Schritt für Schritt.