10 Jahre Goldstadt-Autoren e. V

Auf, unter und neben den Brücken Pforzheims.
Brücken verbinden Menschen, sind Orte von Erinnerungen, dienen als Verstecke oder werden zu Tatorten

Leseprobe


Die Brücke der schönen Erinnerungen

Seine schweren Schritte auf dem nassen, losen Kies waren das Einzige, was man an diesem frühen Dienstagmorgen hören konnte.
Der vollgepackte Rucksack, der schwer an seinen Schultern zog, machte ihm das Gehen nicht einfacher, und auch der anhaltende leichte Regenschauer war alles an- dere als eine Einladung zu einem Spaziergang gewesen, als er nach dem Aufstehen aus dem Fenster schaute.
Denn obwohl es schon Mai war, schien der Sommer noch sehr fern, und er musste sich morgens weiterhin warm anziehen, wenn er seine kleine
Dachgeschosswohnung verlassen wollte.
Seine Beine, die ihn täglich dieselbe Strecke trugen, kannten den Weg schon auswendig und wichen gekonnt den Pfützen aus, die sich selbst bei jedem noch so kleinen Regen bildeten. Eigentlich hätte er bereits über den Kanzlersteg gehen können, dann hätte er sich den Umweg über den Gärtnersteg im Enzauenpark erspart und könnte beim Gasometer direkt zum Kaufland hochlaufen. Aber für ihn war der Umweg Teil seiner Routine und unabdingbar. Man schlief ja auch nicht einfach auf einer anderen Bettseite, nur weil der Weg zur Toilette dann etwas kürzer werden würde.
Nein – Routinen waren sehr wichtig für ihn als alten Mann. Auf seinem täglichen Weg zum Supermarkt konnte er wieder einige Pfandflaschen aufsammeln, und er plante, sich mit dem Geld heute etwas Nützliches zu kaufen. Ohnehin hatte er diese Woche etwas mehr sammeln können als sonst und sich vorgenommen, diesmal nicht bei den Spirituosen stehenzubleiben, sondern stattdessen in eine Packung Einwegrasierer zu investieren.
Sein Kinn hatte schon lange keine Sonne mehr gespürt, und sein zotteliger Bart hatte sich mit seinen langen grauen Haaren verknotet. Er hatte seit einer Ewigkeit keinen Friseursalon mehr von innen gesehen. Seitdem sein Rasierapparat den Geist aufgegeben hatte, hatte auch er aufgegeben, sich um sein Äußeres zu kümmern.
Früher wäre es für ihn unvorstellbar gewesen, morgens nach dem Aufstehen nicht sofort jegliche Anzeichen von Stoppeln zu entfernen. Aber seit seine Frau nicht mehr an seiner Seite war, beschwerte sich keiner mehr über sein Äußeres, und so ließ er sich gehen.
Am Römersteg angekommen blieb er stehen und schaute hinter die Absperrung auf die verlassene Brücke. Wie jeden Tag setzte er die Tüten ab und umklammerte mit einer Hand die rotweiße Absperrung, die ihn daran hinderte, die Brücke zu betreten.
Es war nun fast fünfzehn Jahre her, seit der Steg wegen Mängeln an den Tragseilen gesperrt wurde. Er erinnerte sich noch genau, wie die Brücke Anfang der Neunziger für die Landesgartenschau gebaut wurde. Seine Frau, die zu jener Zeit noch eine Freundin war und nichts von seinen Gefühlen wusste, und er standen erwartungsvoll zwischen Tausenden von Menschen, als diese Brücke eingeweiht wurde und die ersten Leute darüber gehen durften.
Damals, als Schmetterlinge den Enzauenpark mit ihren bunten Farben erhellten und seine Frau freudestrahlend versucht hatte, ein Foto von einem zu machen, während sie dicht beengt zum ersten Mal über den Römersteg spazierten.
Die einst so wunderschöne Hängebrücke war inzwischen nur noch ein weiterer Schandfleck in einer Stadt, die selbst von vielen ihrer Bewohner als hässlich empfunden wurde. Etwas, das der Mann ganz und gar anders sah.
Für manche mochte die Brücke ein bauliches Missgeschick sein, neben all den anderen, welche die Stadt zeichneten. Für ihn war sie jedoch ein Monument der Vergangenheit, das ihn an eine Zeit erinnerte, als die Welt noch gut zu ihm war und er Hoffnung für die Zukunft hatte.
Denn dort, wo mittlerweile Moos aus den Abflussgittern wuchs und Rost die Säule hinaufstieg, hatte er unter einer Masse von Menschen seiner Frau seine Gefühle gestanden. An genau der Stelle, mittig über der Enz, hatte er ihr einen Antrag gemacht, und über den von Laub verdeckten Betonboden waren später seine Kinder mit ihren ersten Dreirädern an ihnen vorbeigeflitzt, um zu sehen, wer schneller war.

Damals, als sie noch eine richtige Familie gewesen waren.
Der Wind blies ihm kalt über das Gesicht und holte ihn aus seinem wärmenden Traum zurück. Im nächsten Jahr schon würde die Stadt diesen Teil seiner Vergangenheit abreißen und durch eine moderne Holzbrücke ersetzen. Und obwohl er sich nichts Schlimmeres vorstellen konnte, als nun auch diesen letzten Teil einer einst so hoffnungsvollen Zeit zu verlieren, war er gegen den Wandel, den die Zeit nun mal so mit sich trug, machtlos. So wie bei vielem anderen auch in seinem Leben müsste er wieder zuschauen, wie ihm etwas Wertvolles genommen wird, und müsste lernen, damit zu leben.

Erschöpft nahm er die Tüten hoch und ging weiter.
Er würde morgen wieder hier sein.
Und den Tag darauf.
Und den Tag darauf.
So lange, bis diese Brücke nicht mehr existierte, und mit ihr auch die Erinnerung an all die schönen Momente, die er dort erlebt hatte, verblasst sein würde.