— Urban Fantasy

Die Aysels Chroniken Teil 1 – HIDDEN

Amy ist anders als die anderen in ihrer Kommune. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, frei unter den Menschen zu leben.

Aus dem Grund beschließt sie, kurz vor ihrem 17 Geburtstag, aus der Gefangenschaft der höchsten Rasse auf Erden, den Aysels, auszubrechen. Doch schnell holt sie die Vergangenheit ein und sie muss einsehen, dass sie alles andere als menschlich ist.

Leseprobe

Vampire Academy meets Celestial City

Kapitel 1

Die Kommune, in der ich, zumindest seit ich mich erinnern kann, lebe, ist eine der größten ihrer Art. Es ist eine Art Stadt, die außerhalb jeglicher Zivilisation errichtet wurde und von Sterblichen nicht erreicht werden kann. Ein paar wenige andere Kommunen sind in menschliche Dörfer integriert, um Inzucht und Krankheiten zu vermeiden, welche durch Vermischung der Gene mit den Menschen vermieden werden konnten. Dabei wird der Anteil der Ayselkräfte, so nennen wir es, von Generation zu Generation kleiner und sorgt für immer mehr vollwertige menschliche Nachkommen.

Meistens aber sind diese ‚Städte‘ so groß, dass eine Verunreinigung durch menschliche Gene nicht nötig ist. So wie auch in unserem Fall.

Durch unsere Größe konnten wir die Inzucht vermeiden und durch jährliche Besuche von männlichen Kriegern, den Sais, waren unsere Nachkommen gesichert.

Die Frauen in der Kommune waren alle liebevoll und herzensgut. Sie behandelten jedes Kind wie ihr eigenes und scheuten auch nicht zurück, einem fremden Kind Essen und Kleidung anzubieten. Ich vermutete allerdings, dass sie einfach beim Zählen ihrer Brut versagt hatten und nicht genau wussten, welches nun ihr Kind war und welches nicht.

Meine Mutter ist eine der wenigen Nikoli, die verheiratet ist, und dies nur mit einem einzigen Mann. Polygamie ist leider immer noch sehr beliebt in Kommunen.

Obwohl mein Vater nicht herkommen kann, blieb meine Mutter ihm seither treu und das sorgte dafür, dass ich das einzige Einzelkind in der ganzen Kommune war.

Das wirkte sich besonders bei unseren täglichen Kirchengängen aus. Der Priester schlug verbal mit seinen Predigten über die Fruchtbarkeit auf uns ein, seitdem wir verstehen konnten, was er sagt.

»Die heilige Maria, Gemahlin des Herrn und Mutter aller Aysels, wurde von Gott mit dem Wunder der Geburt beschenkt. Wir alle hier leben, um ihren einstigen Weg auch beschreiten zu können. Wir leben, um unsere Rasse aufrechtzuerhalten und sie zu stärken, bis auch wir einen göttlichen Sohn gebären. Einen Anführer der Sais oder einen König der Heiligen, den Santos.« Ich sank in mich zusammen und stöhnte entnervt deutlich hörbar aus, um auch ja allen Kirchengängern, meine Anwesenheit und Meinung klar machen zu können.

»Also sollen wir darauf warten, schwanger von Gott zu werden?«, stöhnte ich noch mal kurz auf, bevor meine Mutter mir mit dem Ellenbogen in die Seite stach, um mich zum Schweigen zu bringen. Obwohl das nicht gerade zu meinen Stärken gehört, versuchte ich ihrer Bitte so gut wie möglich nachzukommen und rutschte tiefer in meinen Sitz.

Langsam unruhig blickte ich mich in der Kirche um und versuchte jemanden zu finden, der nicht mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf dem Boden kniete und stumme Gebete zu der riesigen Statue der Heiligen Maria sandte.

Mein Blick blieb bei meinem besten Freund hängen, der genau wie ich mit verschränkten Armen dasaß und jeden Satz des Priesters in den Dreck zog, wenn auch etwas subtiler als ich.

Etwas angespannt entschloss ich mich dazu, nach der Messe zu ihm rüberzugehen. Ich musste ein Thema mit ihm besprechen, welches mehr als unangenehm werden könnte. Besonders da ich seine Reaktion bereits erahnen konnte.

»Wo willst du so schnell hin?« Meine Mutter baute sich nach der Messe vor mir auf, als ich gerade zur Flucht ansetzte, und versperrte mir den Weg. Ich seufzte ein weiteres Mal und lief ihr hinterher zur Beichte, die ich einmal im Monat ablegen musste und welche ich komplett vergessen hatte. Die Beichte war wie die Periode. Sie kam immer genau dann, wenn es am unpassendsten für einen ist und man es eilig hat. Zudem lässt sie einen noch Tage lang mit einem flauen Gefühl im Magen zurück.

Der Hauptgrund dafür, dass ich sowas nerviges so oft machen musste, lag an meiner Mutter, die Angst hatte, dass ich auf den falschen Weg gelangen könnte.

Was zu ihrer Verteidigung leider bei unserer Familiengeschichte auch nicht unbegründet war.

Wie auch sonst immer, setzte sie mich bei dem einzigen Mann ab, der über unsere Umstände, in der Kommune zu leben, Bescheid wusste. Dann lief sie selbst bereits nach Hause und ließ mich somit allein. Anfangs war sie noch dageblieben, aber da der Pfarrer ein Schweigegelübde hatte, konnte sie nie erfahren, über was wir geredet hatten, und das störte sie. Nach einer Weile musste sie sich daher eingestehen, dass gar nicht erst anwesend zu sein, eine bessere Option war.

»Einen wunderschönen guten Morgen, Pater.«

»Schönen Morgen wünsche ich dir auch, Amy. Hast du dir schon Gedanken gemacht, über was du heute mit mir reden möchtest?« Ich konnte ihn durch die dichten Holzgitter nicht sehen, aber seine leise Stimme nervte mich auch ohne sein Gesicht sehen zu müssen.

»Wie wäre es, wenn wir heute über den nicht vorhandenen Unterschied zwischen mir und einem Menschen reden?« Mein abfallender Ton sollte ihm nicht entgangen sein, dennoch sprang er nicht darauf an. Was soll ich sagen. Ein echter Profi eben.

»Du weißt, wie dies funktioniert. Du redest und ich darf dir zuhören. Wir werden keine weitere von diesen sinnlosen Diskussionen führen.« Tatsächlich hatte ich ihn bereits ein paar Mal dazu gebracht, sein Schweigen mitten in meiner Beichte zu brechen und mich zu korrigieren. Heute jedoch hatte ich nicht die Lust dazu, ihn zu ärgern. Ich wollte mit Blake reden und nicht in dieser engen Kammer hocken und mich mit einer Holzwand unterhalten.

»Na gut, Sie haben gewonnen. Ich rede einfach über meinen Traum, okay? Sie können sich hoffentlich noch daran erinnern?« Ich konnte keine Antwort hören, aber ich nahm an, dass er nickte. Er würde sowas sicherlich nicht vergessen. Besonders da es nicht das erste Mal war, dass ich über ihn sprach.

»Der rothaarige Dämon war letzte Nacht wieder in meinem Traum.« Ich stoppte bei dem Gedanken an sein Äußeres und lehnte meinen Kopf gegen die Wand.

»Er hat mich gerufen und gelacht. Ich weiß nicht, wer oder was er ist, aber irgendwas in mir hatte schreckliche Angst vor ihm. Das war alles. Mehr weiß ich nicht. Mein Traum stoppt jedes Mal an der Stelle in der sein Lachen lauter wird. Kann ich jetzt gehen?«

»Du kannst dich an nichts erinnern? Woher du ihn kennst oder wer er sein könnte?«

»Nein.« Es war keine rhetorische Frage. Ich konnte mich an nichts erinnern, was ich vor meinem zehnten Lebensjahr getan hatte. Es war wie eine schwarze Mauer, die sich ins Unendliche aufbaute. Ich wusste weder, woher diese Mauer kam, noch was dahinter versteckt war. Aber ich war mir auch nicht sicher, ob ich es unbedingt herausfinden wollte. Irgendwas in mir riet mir immer wieder dazu, nicht an der Mauer zu kratzen. Und ich befolgte diesen Befehl, weil mein Bauchgefühl es mir sagte.

Da der Pfarrer nichts mehr sagte und ich mir nicht sicher war, ob er nicht vielleicht doch eingeschlafen war, verließ ich den Beichtstuhl leise und lief, bevor er etwas merken konnte, aus der mittlerweile leeren Kirche heraus und schaute mich um. Wie immer glitt mein Blick nach oben zu den Mauern, die uns einsperrten.

Der Himmel war bewölkt, so dass man die Luftsiegel nicht sehen konnte, aber an sonnigen Tagen konnte man sehen, wie die Lichtstrahlen sich merkwürdig krümmten. Das Siegel, welches von verschiedenen Sharx erstellt wurde, schützte die Kommune vor Eindringlingen jeglicher Art und Rasse. Leider hielt sie uns gleichzeitig auch darin gefangen, was ein Ausbrechen unmöglich machte. Dabei war es noch nicht einmal eine Kuppel aus echter Materie, sondern vielmehr eine Art elektrostatischer Mauer, die undurchdringbar war. Na ja, zumindest nicht für Aysel. Denn das Siegel konnte zwischen Tieren, Menschen und Naturereignissen wie Regen und Wind unterscheiden. Theoretisch gesehen also könnte ein Tornado uns alle umbringen, wir wären aber vor Panzern und Granaten gesichert.

Ich schaute mich um, ob auch niemand mein entgeistertes Starren bemerkt hatte und stellte, erleichtert fest, dass dem nicht der Fall war.

Die Kirchturmuhr zeigte, dass es bald Zeit war, zur Schule zu gehen. Ich hatte keine Lust darauf, in einer Klasse aus nur zehn Schülern zu sein. Die meisten waren auch jünger als ich, da es fast kaum noch welche in meinem Jahrgang gab, die noch nicht von den Sais mitgenommen wurden. Der Unterricht war deshalb mehr etwas wie ein Familientreffen, in dem viel rumgeschrien wurde, statt wirklich zu lernen.

Als ich in die Klasse eintrat, waren alle damit beschäftigt mich nicht zu beachten.

Ich muss an dieser Stelle wohl nicht hinzufügen, dass ich nicht sehr beliebt war.

Wie gewohnt lief ich in die letzte Reihe des winzigen Raumes und setzte mich an meinen Platz. Blake saß auf der anderen Seite, so dass ich mein Gespräch mit ihm mal wieder verschieben musste. Während der Stunde wäre es sowieso nicht möglich gewesen, sich normal zu unterhalten.

Die einzige Lehrerin, die wir hatten, war auch gleichzeitig Blakes Mutter und ihr einziges Ziel war es, Ruhe in ihre Stunden zu bringen. Ich mochte sie zu sehr, um ihr auch das wegzunehmen.

Und das obwohl, und ich möchte an diesem Punkt nicht überheblich klingen, sie mich über alles liebte. Sie hatte die rebellische Tochter in mir gesehen, die sie nie hatte. Alle ihre Kinder, und das waren nicht wenige, waren männlich und Blake war einer der ältesten, die immer noch hier lebten. Ich nahm deshalb an, dass sie sich wünschte, dass ich bei ihr einziehen würde, falls Blake ging und ihr bei der Hausarbeit half. Mit diesem Wunsch war sie erwähnenswerterweise die Einzige.

Mir gingen die Leute prinzipiell aus dem Weg. Ich war nicht hier geboren und auch meine Mutter kam von außerhalb. Wir waren für die Leute hier Fremde und das, obwohl wir schon seit 7 Jahren hier lebten.

Unser Glück war nur, dass die West-Kommune zu der größten ihrer Art gehört und es einfach war, in der Masse unterzugehen. Ehrlich gesagt hatte ich Pech mit meiner kleinen Klasse, aber ansonsten wurden wir nur selten wirklich beachtet. Auch das Mobbing auf mich hatte in den letzten paar Jahren abgenommen, was hauptsächlich daran lag, dass ich mir einen Namen als Blakes Freundin gemacht hatte und er nicht gerade zimperlich war, Leuten die Stirn zu bieten, die ihn nervten. Das war ich zwar auch nicht, aber wenn ich jemanden verprügelte,
löste das immer ein Riesenchaos aus. Bei ihm wurde es einfach auf die Pubertät geschoben und die älteren Frauen schwärmten davon, dass er mal ein guter Sai werden würde.

Dieser Überzeugung war ich allerdings auch.

Nach der Schule ging ich also auf ihn zu, um mit ihm nach Hause zu laufen.

»Du siehst aus, als ob du mir etwas sagen willst.«

»Da hast du recht. Hast du etwas Zeit für mich?« Er lächelte und folgte mir aus dem Zimmer.

Ich und Blake gingen nicht offiziell miteinander. Es war mehr so, dass wir uns etwas zu gut verstanden, was jeden glauben ließ, wir wären ein Paar und wir glaubten es allmählich auch. Außerdem gebe es auch sonst niemanden, der mich interessieren würde. Ich hatte meinen ersten Kuss mit Blake und auch mein erstes Beinahe-Mal. Das wurde leider überraschenderweise von seinem Bruder unterbrochen. Was peinlich für mich war, Blake aber fast eine Woche zum Grinsen brachte. Schließlich war es das erste Mal, dass er mich nackt gesehen hatte.

Allgemein lief unsere Beziehung etwas zu spontan ab. Wir küssten uns und handelten in manchen Situationen wie Ehepaare. In anderen hingegen waren wir diese Art von Standard-Buddys, die sich gegenseitig halfen, Leute anzumachen und vergaßen dabei komplett, dass da zwischen uns etwas war und Eifersucht eigentlich dazugehören musste. Ich wusste also nicht, ob ich wirklich in ihn verliebt war oder nicht. Ich wusste nur, dass er mir wichtig war.

Die Sache, die ich ihm allerdings mitteilen wollte, würde unsere ‚Beziehung‘ nicht nur auf Stand-by setzen, sie würde sie komplett ausradieren und deshalb musste ich mit ihm reden.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl und Blake im Schlepptau lief ich also nach Hause und bemerkte fast nicht, weil ich so gedankenversunken war, dass er meine Hand festhielt. Ich schaute kurz zu ihm hinauf, weil ich annahm, dass er mir was sagen wollte, als jedoch nichts kam, fragte ich selbst nach.

»Was ist?«

»Lauf einfach weiter.« Erst jetzt bemerkte ich die Blicke der Frauen, die vor ihren Häusern standen und sich unterhielten, jetzt aber ihre volle Aufmerksamkeit uns zuwandten. Sie waren dagegen, dass Blake mit mir zusammen war. Das konnte man deutlich spüren. Aber Blake liebte es, ihnen eins reinzuwürgen, sodass ich lachen musste und ihre Kommentare über mich als Miststück und Bastard ignorierte.

An meinem Haus angekommen, liefen wir hoch in mein Zimmer und schlossen die Tür hinter uns zu. Kurz darauf landete ich auch schon rücklings auf dem Bett und Blake auf mir.

Eigentlich wollte ich mit ihm reden. Aber das war jetzt wohl nicht mehr möglich.

»Warte…« Ich schnappte nach Luft, als er seine Lippen von meinen löste und zuckte zusammen, als er anfing leicht an meinem Nacken zu knabbern.

»Ich muss mit dir reden.« Ich versuchte, ernst zu klingen, musste dabei allerdings lachen, was mich nicht sehr autoritär erscheinen ließ.

»Später.« Er nahm mein Ohr in seinen Mund und leckte kurz daran, bevor er sich wieder meinem Mund zuwandte.

Er schien ernst und ich hatte keinen Ausweg, als ihn irgendwie so schnell wie möglich zu stoppen, bevor ich komplett die Willenskraft dazu verlor. Als er jedoch dazu ansetzte, meine Bluse langsam zu öffnen, war es hin mit der Willenskraft und ich umschlang meine Arme um seinen Körper.

Plötzlich knallte jedoch die Eingangstür zu und ich fuhr erschrocken hoch. Blake wich mir zum Glück aus, ansonsten hätte er meine Stirn abbekommen.

»Meine Mutter ist zurück!« Ich schloss hastig meine Knöpfe und lief zu ihr runter.

»Du bist schon da? Oh, hallo Blake, wie geht es deiner Mutter?«

»Sehr gut, ich soll dir einen Gruß von ihr ausrichten.« Er war mir anscheinend nachgelaufen, da er nun ebenfalls in der Küche stand und meiner Mutter half, das Gemüse in die Schränke zu sortieren.

»Und bist du schon nervös wegen der Auslese? Ich habe gehört, dass du dieses Jahr mitgehen willst?« Nachdem wir ihr geholfen hatten, den Tisch zu decken, aßen wir jetzt zusammen ein paar frisch gepflückte Früchte. Ernüchternd musste ich feststellen, dass meine Mutter mir gerade die Chance stahl, mit ihm über übermorgen zu sprechen.

»Ja etwas. Aber ich mache mir mehr Sorgen um Ty. Ich hoffe, dass er es auch schafft.« Ty war Blakes kleiner Bruder und der Letzte, der noch nicht mitgenommen wurde, um ein Sai zu werden. Blake hatte darauf gewartet, dass alle rekrutiert wurden, bevor er ebenfalls zeigte, dass er kein Nichtsnutz war. Er hatte die Krieger also fast vier Jahre lang hinters Licht führen können. Er war damit zwar noch nicht auf meinem Level, aber nah dran.

»Pass aber auf, dass die nichts von deinen anderen Fähigkeiten sehen.« Ich mischte mich unerwünscht ins Gespräch und erhielt einen wütenden Blick von ihm.

»Das werden sie ganz bestimmt nicht.« Damit war das Thema für ihn auch schon beendet und ich ließ es ebenfalls links liegen. Blake war ein geborener Kämpfer. Mit Magie herumzuspielen war nichts für ihn, was er oft genug betont hatte.

»Danke fürs Essen, Robin.« Blake bedankte sich bei meiner Mutter, bevor er raus ging und mir dort noch kurz einen Kuss auf die Stirn gab.

»Ich muss wirklich morgen mit dir über etwas reden«, sagte ich nun schnell, bevor er zu weit weg war, um es zu hören, wobei er kurz stehen blieb und nickte. Anscheinend konnte er an meiner Stimme erkennen, dass es doch ernst war.

»Nach der Messe.«, meinte er dann noch kurz. Ich schaute ihm noch etwas nach, wie er den gepflasterten Steinweg langlief und an der nächsten kleinen Kreuzung rechts abbog.

Erst dann schlug ich den entgegengesetzten Weg ein und lief raus aus der Stadt an die Grenzen.

Die West-Kommune war eine Stadt mit ungefähr hunderttausend Einwohnern. Die Kommune an sich hatte keinen Namen und war auch auf keiner Karte eingetragen. Die Stadt jedoch nannten wir Nikos.

Nikos hatte Bezirke, Parks und sogar einen See. Die Häuser, welche meistens aus alten Ziegeln und Backsteinen bestanden, waren älter als die ältesten Einwohner und selbst die meinten, dass sie nicht genau wussten, wie lange diese schon hier waren. Allerdings musste es früher einst eine Stadt gewesen sein, die Menschen aufgebaut hatten. Denn Kommunen in dieser Form wurden erst vor 100 Jahren von der letzten Königsfamilie, die regiert hatte, eingeführt.

Ich lief einige Minuten, bis ich an die südlichste Grenze kam. Mein Körper fing an zu kribbeln und hielt automatisch einen Meter vor dem Siegel an.

Ich hatte nie verstanden, wieso ich stehen blieb, wann immer ich mich ihr näherte. Es war wie ein Instinkt, der mich vor etwas beschützen sollte. Manchmal fragte ich mich, ob ich eine Art Schock bekommen würde, wenn ich es anfassen würde oder ob es mehr eine Art Wand darstellen würde. Aber ich hatte mich nie getraut, es zu versuchen.

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und verringerte den Abstand, der bis dahin nie verringert wurde. Alle Härchen an meinem Körper richteten sich auf und ich spürte meinen Puls, wie er in meinen Ohren zu pulsieren anfing, während ich versuchte, meine Hand auszustrecken und das Unsichtbare anzufassen.

Aber ich schaffte es nicht.

Tränen rollten mir über die Wangen, als ich die Hand wieder zurücknahm und durch das Siegel hindurch zu den Lichtern schaute.

Nikos war auf einer Art Hügel erbaut worden und lag somit höher als die nächste Stadt der Menschen. Das hier war die einzige Stelle, an der man abends die Lichter der Autos und der Häuser sehen konnte.

Und genau dort lag mein Traum. Hinter dieser durchsichtigen Wand lag das Leben, das ich führen wollte.

Bald würde mich kein Luftsiegel mehr davon abhalten dort zu sein. Bald würde ich mit den Lichtern zusammenleben und keine Gefangene einer arroganten Rasse mehr sein.

Bald.


»Steh auf, Schatz. Die Kirchenglocken haben schon angefangen zu läuten.« Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Schlaf und ich fuhr in meinem Bett hoch.

Erst nach einigen Sekunden hörte ich auch die nervigen Glocken, die mich jeden Tag den Schlaf kosteten und stand auf, wobei das alte Holzgestell meines Bettes unter mir knirschte.

Barfuß lief ich die Treppen runter zum Badezimmer und füllte mir einen Eimer mit kaltem Wasser. Erst dann zog ich mich aus, um zu duschen. Ich durfte genau 2 ½ Eimer Wasser morgens benutzen, damit wir über den restlichen Tag noch genug hatten. Meistens schaffte ich es, mit zwei Eimern auszukommen, sowie auch heute. Wenn das Wasser warm wäre, könnte ich wahrscheinlich Stunden darin verbringen. So jedoch legte ich wie jeden Morgen eine Rekordzeit von 4 Minuten hin, trocknete mir kurz mit dem Handtuch die Haare, die nass fast schwarz wirkten, und zog mich an.

Meine Mutter war bereits vorgelaufen, so dass ich die halb leeren Straßen allein runterrannte.

Es war keine Pflicht, die tägliche Kirchenmesse zu besuchen. Jedoch gab es nur wenige, die nicht daran teilnahmen. Ich hatte nie verstanden, wieso wir ausgerechnet zu der Jeden-Tag-Kirchengänger Gruppe dazugehören mussten, aber meine Mutter wollte es so und ich konnte ihr nicht widersprechen.

Sie hatte wegen mir schon genug durchmachen müssen. Mir den Hintern während der Morgenmesse platt zu sitzen war daher das Mindeste, was ich machen konnte.

In der Kirche angekommen, lief ich zum Seiteneingang, der am nächsten zu dem Platz war, an dem wir normalerweise saßen, und umging so, dass sich alle nach mir umdrehten, wenn ich die schwere Stahltür schloss.

So konnte ich schnell zu meinem Platz schleichen und mich unbemerkt neben meine Mutter setzen, die mich nicht weiter beachtete. Ich wünschte, dass ich das auch von den anderen behaupten könnte. Ich behielt die abfälligen Kommentare dieses Mal für mich und versuchte irgendwie die Kunst zu meistern, mit offenen Augen schlafen zu können.

Als die Messe dann endlich beendet war, sprintete ich zu Blake rüber, noch bevor meine Mutter mir etwas zurufen konnte. Der bemerkte mich aus dem Augenwinkel und lief schon mal raus, um mich hinter der Kirche zu treffen.

Ohne viel sagen zu müssen, folgte er mir zu dem Fluss und ich spürte, dass die Stimmung ernster wurde. Blake ahnte noch nichts von meiner Entscheidung, aber selbst ohne es zu wissen, ist uns beiden bewusst, dass wir uns ab morgen vielleicht nie wieder sehen werden.

»Morgen also… bist du dir wirklich sicher, dass du mitgehen willst?« Ich setzte mich neben ihn ans Flussufer und versuchte mich langsam an das Thema ranzutasten. Ihn gleich mit meiner Entscheidung zu konfrontieren, könnte schlecht enden.

»Klar bin ich sicher. Darauf habe ich das letzte Jahr hingearbeitet. Und du solltest das auch tun, Amy. Oder willst du dein ganzes Leben bei diesen Frauen bleiben und Kinder kriegen? Nicht, dass ich mich nicht gerne dafür zur Verfügung stellen würde.« Ich boxte ihn in den Arm und drehte mich schnell wieder dem Wasser zu. Wir wussten beide, dass er in diesem Punkt Recht hatte.

Aber ich wollte kein Leben als Sai leben und zu etwas anderem war ich in dieser Gesellschaft nicht fähig. Und das wusste er auch. Denn obwohl er öfter kämpfte als ich, war ich besser als er und in einem Kampf gegen ihn würde ich höchstwahrscheinlich gewinnen. Aber das war es nicht, was ich wollte.

»Du sagst das so einfach. Aber ich will nicht für die Santos kämpfen. Ich will lieber unter den Menschen leben. Normal sein eben. Auf eine andere Art als diese.« Ich bemerkte etwas zu spät, dass ich die Bombe unerwartet abgeworfen hatte. 

»Schon wieder das mit den Menschen? Vergiss die, Amy. Unsere Rasse ist die Auserkorene.
Ich teile zwar deinen Hass über die Santos, aber wir sind tausendmal besser als diese schwachen Menschen und ihre alltäglichen Probleme. Sie laufen blind durchs Leben, ohne je richtige Angst verspürt zu haben. Sie leben in einer Lüge, Amy. Ist es nicht das, was du am meisten hasst?« Ich war über seine Aussage enttäuschter, als ich gedacht hatte. Er konnte mich anscheinend nicht verstehen, aber ich wollte etwas tun, etwas, was mich hier rausbringen würde. So weit weg von allen Aysels, wie es nur ging.

»Ich werde morgen von hier verschwinden, Blake. Nicht mit dir und den Sais, sondern allein. Ich werde aus der Kommune abhauen und ich wollte es zumindest dir gesagt haben. Denn selbst, wenn du irgendwann hierher zurückkommst, um deine Mutter zu besuchen, werde ich nicht mehr hier sein, um auf dich zu warten.« Er schaute mich überrascht an, aber in seinen Augen war auch noch etwas anderes, das ich erkennen konnte. Er hatte Angst um mich.

»Das ist also dein Plan? Und wie willst du das machen? Die Kommune ist durch ein Luftsiegel geschützt. Menschen und Dämonen kommen nicht rein. Und du kommst nicht raus. Wie sieht also dein Plan aus?« Ich wühlte in meiner Jackentasche nach einem zerknüllten Stück Papier und Pakte eine Karte von der Stadt aus, um es ihm zu zeigen.

»Um Punkt 9 Uhr morgens werden die Sais einmarschieren. Der Test dauert zwei Stunden und sie gehen meistens am gleichen Tag abends. Beim Ein- und Auslass werden die Siegel und die Tore um die Stadt geöffnet.«

»Warte, warte, warte! Du willst mir also sagen, dass du dich rausschleichen willst, während die Sais Wache schieben? Bist du völlig übergeschnappt? Das ist unmöglich!«

Ich Pakte die Karte weg und schaute ihn entschlossen an.

»Vergiss nicht, wer die letzten Jahre völlig unsichtbar in der Kommune gelebt hat, ohne in irgendwelchen Akten gespeichert zu werden. Wenn es etwas gibt, in dem ich gut bin, dann ist es sich zu verstecken und zu verschwinden.« Seine Angst um mich schien sich dadurch nur zu vergrößern. Und sie war berechtigt. Falls ich beim Versuch zu verschwinden gefasst werde, werden die Sais merken, dass ich nicht in die Nikos Akten eingetragen wurde und somit ein Eindringling bin. Und falls sie noch weiter graben würden… oh Gott, ich möchte es mir nicht einmal ausmalen müssen, in was für Probleme meine Mutter dann kommen würde.

Um mich selbst und Blake zu beruhigen, legte ich ihm behutsam meine Hand auf seine Schulter und versuchte, die etwas zu tiefe Stimmung aufzumuntern.

»Mach dir keine Sorgen, Blake.« Noch während ich das sagte, sprang er auf und versuchte, etwas Abstand zwischen uns zu bringen.

»Das ist komplett verrückt. Du bist komplett verrückt, Amy. Manchmal wünschte ich mir wirklich, dass du etwas mehr an deinem Leben hängen würdest.«

»Und mich dem Ganzen hier anpassen?« Ich zeigte auf die Häuser hinter mir, die kurz davor waren, auseinanderzufallen, und wich seinem Blick nicht aus.

»Du verstehst es nicht. Genauso wie die anderen hier. Aysels hin oder her. Ich bin nutzlos, kein Stück besser als die Menschen. Und ich will mit ihnen zusammenleben!« Meine Stimme hob sich und ich hatte das Gefühl ihm gleich eine reinschlagen zu müssen, um mich selbst zu beruhigen.

»Und ich dachte, dass du dir wünschst, dass ich etwas aus meinem Leben mache. Und falls ich bei dem Versuch mein Ziel zu erreichen sterbe, dann ist das halt so. Du kannst mich nicht für immer beschützen!« Einen Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte, starrten wir uns einfach nur an. Dann schaute er weg und schien, aufgegeben zu haben.

»Mach doch, was du willst. Ist mir doch egal, wenn du stirbst oder in einem unnützen Leben als Mensch dahinvegetierst. Ich finde es nur interessant, dass du das mit uns so einfach wegwirfst!«

»Was ist bitte nutzlos daran? Ist also alles nutzlos für dich, dass nicht mit Kämpfen zu tun hat? Und wie hast du dir das mit uns überhaupt vorgestellt? Soll ich genauso wie deine Mutter auf dich warten und allein unsere Kinder aufziehen?« Seine Augen kniffen sich zusammen und ich bereute meine Frage.

»Tut mir leid. Ich wollte nicht…«

»Ich habe schon verstanden!« Wir starrten uns eine Weile noch an, bevor er sich abwandte und ging. Ich war noch nie gut darin, meine Aggression zurückzuhalten, aber ich dachte, dass das bei Blake nicht nötig wäre.

Als ich genug in Selbsthass gebadet hatte, lief ich zerschlagen zurück nach Hause. Während ich nun Schule schwänzend und alles ignorierend die staubigen Wege entlanglief, fiel mir auf, wie mitgenommen alles plötzlich aussah. Die Leute hatten damals viel Zeit investiert, die Stadt wiederaufzubauen, dennoch sah es aus wie nach einem Bombenangriff. Aber zumindest waren alle Fenster geputzt.

Als ich etwas unsanft die Holztür aufriss, welche alles andere als geeignet für eine Haustür war, schrie meine Mutter mir auch schon aus unserer Küche entgegen.

»Amy? Wieso bist du schon zurück? Du weißt doch, dass ich es nicht mag, wenn du die Schule schwänzt!«

»Ich weiß, aber ich tu’s immer wieder gern. Was gibt’s zu Essen?«

»Kartoffelsuppe. Aber lenk jetzt nicht vom Thema ab. Du solltest hier nicht so offen rumlaufen. Besonders nicht einen Tag vor der Sammlung. Versprich mir, dass du dich wenigstens morgen benimmst. Wir könnten in große Schwierigkeiten kommen, wenn sie von dir erfahren. Vor allem jetzt.« Ich starrte auf die dünnflüssige und farblose Flüssigkeit in meinem Teller und fuhr mit einem Löffel hindurch, um die Konsistenz zu testen. Wenn man die Kartoffelbrocken übersah, war es eindeutig nur heißes Wasser.

»Ich bin eine vollkommene Nikola wie sie im Buche steht und die Wahrscheinlichkeit mit siebzehn noch irgendwelche super-duper coolen Kräfte zu bekommen, die die Aufmerksamkeit der Sais erregen könnte, liegt unter null. Also schauen wir der Realität ins Auge und reden nicht um den heißen Brei rum. Oder in diesem Fall ums heiße Wasser. Ich bin ein Mensch Mom. Nicht mehr und nicht weniger.« Sie ließ ihren Löffel wieder zurück auf ihren Teller sinken und schaute mich besorgt an.

»Du bist kein Mensch, Amy. Du bist mehr als das und das weißt du auch. Du kannst nie wissen, was in der Zukunft passieren wird. Heute sitzen wir noch hier und essen Suppe, aber morgen könnte sich das alles geändert haben.«

»Ich bin mir im Klaren, dass sich morgen alles ändern kann. Ich bin bloß wütend. Wieso müssen alle Nikoli so schlecht über Menschen reden? Wenigstens sind diese frei und müssen nicht eingeschlossen in einer Stadt leben und Nachwuchs produzieren!«

»Rede nicht so über unsere Rasse! Du weißt genau wie ich, dass wir großes Glück hatten, hier aufgenommen worden zu sein. Zwei völlig Fremde. Da draußen wären wir vielleicht schon gestorben. Du solltest das niemals vergessen. Wir sind nur so lange sicher, wie wir hier sind.« Sie schien nun ernsthaft wütend zu werden und ich fragte mich, ob es meine Bestimmung war, Leute auf die Palme zu bringen.

»Das ist nicht unsere Gruppe, Mom!« Diesen Satz hätte ich weglassen sollen.

»Ohne Nikoli gäbe es keine Sais. Und ohne den Schutz der Sais würde die Santos aussterben und mit ihnen, die alzu sichere Welt für deine geliebten Menschen. Verstehst du, Amy. Ihr Leben hängt von uns ab!«

»Was willst du eigentlich von mir? Soll ich mein ganzes Leben hierbleiben und Kinder hüten?«

»Natürlich nicht. Ich will, dass du tust, was auch immer du möchtest. Aber ich will, dass es das richtige ist, du sicher bist und nicht im Irrglauben lebst. Ist das so schlimm für dich?«

»Schlimmer als diese Suppe kann es zumindest nicht werden.« Ich hoffte, ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen huschen zu sehen, musste aber ernüchternd feststellen, dass dies nicht der Fall war.

»Ich versteh einfach nur nicht, wieso du so sehr an der Idee hängst, als Mensch zu leben.«

»Wieso? Ist es so weit hergeholt?«

»Ja. Ich kenne niemanden, der es sich so sehr zu Herzen nimmt wie du. Falls es noch andere gibt, zeigen oder sagen sie es zumindest nicht.« Als ich nichts weiter dazu sagte, stand sie auf, um in einer kleinen Kiste nach Schinken zu suchen, um die Suppe etwas aufzubessern. Ich bezweifelte, dass dies möglich sein konnte, rührte aber trotzdem ausdruckslos weiter in dem heißen Wasser rum.

In der Nacht wurde ich von einem Albtraum zum anderen gejagt und entschloss mich, einfach gleich aufzubleiben. Mein Herz schlug wie wild, als ich mich aus dem Fenster lehnte und in die Sterne starrte. Eine Mischung aus Angst und Vorfreude bereiteten in meinem Magen eine Art Schlacht um die Vorherrschaft aus, obwohl es auch die Kartoffelsuppe und der Schinken sein könnte. Ich tendierte zum Letzterem.

Einerseits konnte ich es kaum abwarten, aus dieser Gesellschaft der Traumlosen auszubrechen, andererseits würde dies heißen, dass ich meine Mutter allein lassen müsste und in eine Welt gehen würde, in der ich niemanden kannte und keinerlei Sicherheit hatte. Nach langem Hin und Her entschloss ich mich, meinen Rucksack zu packen. Besonders eine Sache machte mir dabei etwas zu schaffen. Ich musste irgendwie an Geld kommen, um da draußen überleben zu können. In der Kommune hatten wir keins, denn wir tauschten Sachen und ernteten selbst angelegtes Gemüse. Im Großen und Ganzen leben wir von dem bisschen, was wir hatten, ohne viel mehr zu wollen oder zu brauchen. Ein Leben für andere war ein weiteres Motto, welches uns ebenfalls bei den Predigten eingeflößt wurde.

Ich suchte nach einer kleinen Schatulle, die weit hinten in meinem Kleiderschrank war. In meiner Erinnerung war gespeichert, dort vor Jahren mal Geld versteckt zu haben. Es war nicht viel, aber als ich es endlich fand, fühlte ich mich plötzlich erleichtert.

In der Schatulle waren ebenfalls kleinere Münzen und Kreditkarten, die ich alle links liegen ließ. Falls sie überhaupt funktionierten, wäre es zu gefährlich, sie zu benutzen. Außerdem fand ich ein altes schwarz-weiß Bild meiner Eltern kurz nach ihrer Hochzeit. Ich starrte lange auf das Gesicht meines Vaters, das ich fast vergessen hatte. Er war nicht mit uns gekommen, als wir in die Kommune geflüchtet sind. Den Grund weiß ich nicht mehr. Er liegt hinter der Mauer in meiner Erinnerung, die ich einfach nicht durchbrechen kann. Ich hatte früher zwar versucht, meine Mutter zu fragen, was mit ihm geschehen war, aber sie sprach nicht von ihm. Kein einziges Wort verlor sie über die Zeit, bevor wir herkamen oder wie ich meine Erinnerungen verloren hatte. Allerdings verriet mir die Härte und Kälte in ihren Augen, dass es nichts war über das sie reden wollte. Es war sozusagen ein schwarzes Kapitel in ihrem Buch, das ich nicht zu öffnen wagte.

Meine Tasche füllte sich mit dem Nötigsten: ein paar Klamotten, Wasserflaschen und einem Taschenmesser. Etwas zögernd legte ich mir dann die Kette an, die meine Mutter mir irgendwann mal geschenkt haben musste. Ich wusste nicht, wann oder wieso sie mir die Kette gab, aber ich fand schon immer, dass irgendwas komisch an ihr war. Die Kette bestand aus Silber und hatte einen Anhänger, in dem eine Ritterlilie eingebrannt wurde. Es war nichts Auffälliges dran, aber sie fühlte sich warm an, egal wo sie vorher gelegen hatte und das machte mich stutzig. Aber es war das einzige Geschenk, was ich je bekommen habe, also wollte ich nicht ohne sie gehen.

Als die Sonne langsam aufstieg, ging ich mich waschen. In der Hoffnung, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich mich mit kaltem Wasser waschen musste, legte ich mir meine Sachen zurecht und betrat die kalte Steinplatte, um mit einem Eimer kalten Wassers die Seife abzuwaschen. Ich wählte eine schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd aus. Danach band ich meine Haare zusammen. Als meine Mutter und ich dann gemeinsam gefrühstückt hatten, war die Anspannung deutlich spürbar. Nicht nur bei mir, sondern auch bei ihr. Sie machte sich jedes Jahr Sorgen, dass irgendwas passieren könnte und doch irgendjemand den Sais von mir erzählen würde.

Sie hätte natürlich niemals damit gerechnet, dass ich ausgerechnet heute freiwillig abhauen würde.

Um Punkt neun Uhr gingen die Sirenen los und signalisierten das Eintreffen der Sais. Wir beide hielten den Atem an und stellten unser Essen schnell weg. Ich ging auf den Dachboden wie jedes Jahr und sie verließ das Haus, um zum Sammelpunkt zu gehen, wo sich alle treffen mussten. Ich musste nicht rausschauen, um zu wissen, wie es aussehen würde. Eine Rede wurde durch Lautsprecher übermittelt, in denen sie kontrollierten, ob alle anwesend waren. Mein Name fiel natürlich nicht und ich atmete erleichternd aus, als alle Namen bestätigt wurden. Das war zumindest ein gutes Zeichen, denn sie würden so nicht in alle Häuser stürmen, um Verbliebene zu suchen. Also entschloss ich mich, runterzugehen, um meine Tasche zu holen und etwas Essen einzupacken. Wir hatten zwar nicht viel, aber meine Mutter würde sicher etwas von den Nachbarn bekommen, falls es diesen Monat nicht reichen würde. Mit einem etwas schlechten Gewissen schlich ich mich aus dem kleinen Haus, gerade als das Signal zum Abschluss läutete. Ab jetzt würden die Sais Zeit mit ihren Familien verbringen können, während ein anderer Teil darauf achtete, dass die Frischlinge nur das Nötigste einPakten und zum Bus gebracht wurden. Ich bemerkte Blake, wie er mit einer schwarzen Reisetasche und zwei Sais über den Markt lief, und versuchte mich nicht anzusehen, obwohl er mich eindeutig wahrgenommen hat. Ich war kurz davor ihn mit einem Backstein zu bewerfen für das, was er gestern gesagt hatte, aber so leichtsinnig war ich dann doch nicht. Besonders da ich an meinen Plan denken musste. Jetzt entdeckt zu werden, wäre das Letzte, was ich gebrauchen könnte.

Von einem echten Plan konnte man allerdings kaum sprechen. Aber die Grundidee war diese, dass ich mich unter dem Bus verstecken wollte und mich dort festbinden würde, um mit ihnen über die Siegel hinauszufahren. Falls ich entdeckt werde, wäre dass das Ende. Außerdem bestand die Gefahr, dass die Gurte, die mich hielten, reißen würden und ich mit 120 km/h auf den Asphalt prallte und sterbe.

Blake hatte vielleicht Recht, ich war etwas verrückt.

Aber es war mir die Freiheit wert und diese konnte ich erst dann erlangen, wenn ich hier rauskommen würde. Also schlich ich mich zum Bus und kroch unter ihm durch. Soweit ich es sehen konnte, war niemand in der Nähe, der mich gesehen haben könnte. Ich begann damit, mich mit dem Rücken zum Boden festzubinden, so dass ich bei Sturz zumindest nicht auf mein Gesicht landen würde. Als ich festgeschnallt war, blieb mir nur noch eins übrig: Warten.
Ich versuchte den Schlaf, den ich nachts verloren hatte, nachzuholen, und schloss die Augen. Gerade als ich weg dösen wollte, ging der Motor an und der Bus fuhr los. Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust und ich versuchte nicht auf den Boden zu schauen, der nur wenige Zentimeter unter mir war und mir alles aufreißen könnte, wenn ich nicht aufpasse.

Als der Bus dann hielt, ertönten die Sirenen ein weiteres Mal und ich hörte, wie die Tore an der West-Seite geöffnet wurden.

Vor Angst hielt ich den Atem an.

Der Bus bewegte sich langsam rollend über die Metallschienen, die die Tore führten, und ich konnte wieder spüren, wie sich alle Haare an meinem Körper aufrichteten.

Ich hätte schwören können, dass sogar mein Herz stillstand, als wir durch die Siegel fuhren und der Wind, der mir ins Gesicht wehte, nach Freiheit riechen musste.

Ich erinnerte mich wieder an den Tag, an dem ich mit meiner Mutter das erste Mal vor den Toren stand. Ich weiß noch, dass ich nackt und frierend die Hand meiner Mutter hielt, während sie mit einem Lächeln und feuchten Augen zu mir sagte, dass wir jetzt endlich sicher waren und alles wieder gut werden würde.

Als wir die Tore und die Siegel hinter uns gelassen hatten, wurde auch mein Puls langsamer und ich konnte wieder klarer denken. Der nächste Schritt wäre, irgendwie abzusteigen. Was bei dem Tempo, welches wir draufhatten, leider nicht einfach sein würde. Ich musste mich aber beeilen, denn wenn wir die Tore der Schule erreichten, würde ich für immer in einem anderen Gefängnis eingesperrt werden. Ich bemerkte nach ungefähr einer Stunde, dass wir durch eine Stadt fuhren und langsamer wurden. Ich begann den Gurt an meinen Füßen durchzuschneiden und mich dann mit eigener Kraft festzuhalten. Als wir anhielten und der Motor nicht abgestellt wurde, nahm ich an, dass wir an einer Ampel warteten, und löste auch den zweiten Gurt, wobei ich etwas unsanft auf der Straße landete und leise vor mich hin fluchte. Glücklicherweise war kein Auto hinter uns und als der Bus losfuhr, rollte ich mich schnell zum Straßenrand, um nicht durch die Rückspiegel wahrgenommen zu werden. Die Leute um mich herum starrten mich überrascht an. Aber ich konnte einfach nicht anders, als mich auf dem Boden rumzurollen und zu lachen.

Ich hatte es geschafft, ich war endlich frei.